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Angehörigenberatung

Bei der Beratung Angehöriger stellt sich zunächst die Frage, ob bei der betroffenen Person überhaupt eine Radikalisierung vorliegt, wie weit diese möglicherweise schon fortgeschritten und ideologisch verfestigt ist. Weist alles darauf hin, gilt es, Angehörige in ihrer Handlungsfähigkeit gegenüber der sich radikalisierenden Person zu stärken und dabei zu unterstützen, eine stabile Beziehung aufzubauen.

Dazu werden verschiedene Ansätze verfolgt:

  • Stärkung der eigenen Situation
  • die Beziehung zur sich radikalisierenden Person wieder aufbauen bzw. verbessern und stabilisieren
  • Suche nach weiteren möglichen Unterstützer*innen im Umfeld
  • ggf. Suche nach weiteren Hilfestrukturen und Vermittlung, z.B. Sucht- oder Familienhilfe
  • Wissensvermittlung zu politisch-salafistischen, jihadistischen oder anderen islamistischen Gruppierungen, insbesondere deren Ideologie, Rekrutierungsmethoden und Lebenswelt

Bei allen Beratungsanfragen geht es zunächst darum, die Situation zu verstehen, warum sich ein nahestehender Mensch radikalisiert hat. Hierbei spielen die Biografie, das persönliche Umfeld und auch soziale wie gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Diese werden mit den Angehörigen gemeinsam ergründet und mögliche begünstigende Faktoren reflektiert. Das Verstehen der Situation führt zu einer inneren Stärkung und kann die oftmals empfundene Hilflosigkeit im Umgang mit radikalisierten Angehörigen reduzieren.

Oft kommen zu den Sorgen um die sich radikalisierende Person weitere Themen aus dem eigenen Umfeld hinzu, die die Ratsuchenden belasten, so dass kaum genug Zeit und Energie bleibt, sich mit dem eigentlichen Thema der Beratung zu beschäftigen. Hier leisten die Berater*innen Hilfestellung, damit die Beratungsnehmenden aus Gedankenspiralen herauskommen und Raum für neue Lösungsansätze und Perspektiven entwickeln können. So werden die Ratsuchenden wieder handlungsfähig und können Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten aufbauen.

Auch Themen, die mit einer eventuellen Strafverfolgung der sich radikalisierenden Person zusammenhängen, sind sehr belastend, beispielsweise Hausdurchsuchungen, Überwachung der Telekommunikation oder die Beschlagnahme von Handys und Computern. Familien, deren Angehörige sich noch im Ausland befinden, werden dabei unterstützt, besser mit der unsicheren Lebenssituation ihrer Angehörigen umgehen zu können, etwa wenn diese sich in ausländischen Gefängnissen oder Camps befinden. Eine Einschätzung der aktuellen politischen Situation kann ebenso zu einer Entlastung beitragen.

Erst danach kann gemeinsam erarbeitet werden, welche Handlungsmöglichkeiten bestehen. Dazu vermitteln die Berater*innen Werkzeuge, mit denen die Ratsuchenden sich besser in ihre Angehörigen hineinversetzen, eingefahrene Gesprächsmuster durchbrechen und so die emotionale Beziehung stärken können. Diese Werkzeuge umfassen beispielsweise die Vermittlung von Techniken zur Kommunikation auf Augenhöhe oder auch Strategien im Umgang mit ideologischen Narrativen oder Argumentationsmustern und den sich daraus ergebenden konflikthaften Situationen. Die Angehörigen werden so dabei unterstützt, dem sich radikalisierenden nahestehenden Menschen Alternativen und ein neues Umfeld zu bieten und aktiv beim Distanzierungs- und Deradikalisierungsprozess zu helfen.

Hierbei ist es hilfreich, auch außerhalb der Familie soziale Beziehungen fern der radikalen Szene aufzubauen und zu stärken und wenn möglich, in die Distanzierungsarbeit zu integrieren. Geeignet sind beispielsweise langjährige Freunde, Geschwister oder andere Personen, die in stabilen Verhältnissen leben.

Während des weiteren Verlaufs der Beratung wird immer wieder geprüft, ob die vereinbarten Maßnahmen Wirkung gezeigt haben oder weiter angepasst werden müssen, oder ob sich grundlegende Änderungen der Situation ergeben haben. So bleibt der Beratungsprozess immer flexibel auf die Bedürfnisse und Problemlagen der Ratsuchenden ausgerichtet.

Angehörigentreffen und Selbsthilfegruppe

Ausreisen von sich radikalisierenden Angehörigen in ein jihadistisches Kampfgebiet belasten das private Umfeld sehr. Aus diesem Grund hat die Beratungsstelle Leben eine Selbsthilfegruppe für die Angehörigen der Ausgereisten eingerichtet. Diese bietet einen Raum für den persönlichen Austausch und eine Möglichkeit zur Vernetzung. Dabei geht es immer auch um die Frage, welche Rolle die Angehörigen bei der ideologischen Auseinandersetzung spielen können. Auch helfen die Erfahrungen von Angehörigen, deren Familienmitglieder bereits zurückgekehrt sind denen, deren Söhne, Töchter oder Enkel erst noch zurückkommen und bereiten sie besser auf das Bevorstehende vor.

Die Angehörigentreffen finden in hybrider Form statt, das heißt, dass auch Angehörige, die aus terminlichen oder anderen Gründen nicht nach Berlin oder Bonn in die Beratungsstelle kommen können, per Videokonferenz ebenfalls teilnehmen können.