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Bei Menschen, die sich bereits in einem Distanzierungsprozess befinden und sich deshalb an die Beratungsstelle Leben wenden, geht es anfangs darum zu verstehen, welche Gründe zur Radikalisierung wie auch Distanzierung geführt haben. Für eine solche Auseinandersetzung mit den eigenen Motiven ist Vertrauen notwendig, weshalb der Aufbau einer guten Beratungsbeziehung von zentraler Bedeutung ist. Dazu zählt, Arbeitsweise und Struktur der Beratungsstelle, mögliche Hilfestellungen, aber auch die Grenzen des Beratungsangebots transparent zu kommunizieren.

Entscheidend ist auch der Grad der Desillusionierung der Ratsuchenden. Gibt es nur erste Zweifel und einen Gesprächsbedarf, oder befinden sich die Ratsuchenden bereits in einem Distanzierungsprozess und einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Ideologie?

Bei Personen, die sich in einem Distanzierungsprozess befinden, orientiert sich die Beratung deshalb zunächst an den Themen der ratsuchenden Person, während die gemeinsame Aufarbeitung der ideologischen Narrative erst beginnt, wenn ein solides Vertrauensverhältnis aufgebaut und ein gegebenenfalls laufendes Strafermittlungsverfahren abgeschlossen ist.

Zunächst gilt es, die persönliche Lebenssituation zu betrachten und wenn notwendig, pragmatische Themen zu klären, zum Beispiel Wohnung, Lebensunterhalt, Beruf, Schule oder Ausbildung, aber auch Vermittlung von Anwälten, Hilfe im Umgang mit Ämtern und Bürokratie oder Vermittlung von Hilfen zur psychischen Betreuung. Zur weiteren Unterstützung wird im Beratungsverlauf nach wichtigen Personen im Leben der Ratsuchenden gesucht, die sie auf dem Weg zur Distanzierung oder Deradikalisierung unterstützen können.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist es, die Beziehung zum sozialen Umfeld und zu Angehörigen zu stärken und Konflikte zu bearbeiten. Die Berater*innen der Beratungsstelle Leben können bei Einverständnis auch hier tätig werden und versuchen, zwischen der Familie und den Beratungsnehmer*innen zu vermitteln und dabei zu helfen, dass neue Perspektiven und neue Möglichkeiten im Umgang miteinander aufgebaut werden können.

Des Weiteren geht es auch um die Kommunikation nach außen. Was von der eigenen Vergangenheit kann oder muss anderen mitgeteilt werden? Bei Kindern von zurückgekehrten Personen geht es zudem darum, Wege zu finden, die den Kindern nicht schaden und einer Stigmatisierung vorbeugen.

Kernthema des Beratungsprozesses ist es, gemeinsam mit den Ratsuchenden zu erarbeiten, welche Wünsche, Lebens- und Sinnfragen zu einer Öffnung für radikale Ansichten und / oder einer extremistischen Ideologie geführt haben und wie mit den zugrunde liegenden Bedürfnissen im aktuellen Leben und in Zukunft umgegangen werden kann. Durch den Bruch mit der Ideologie und auch der radikalen Szene entfallen der feste Deutungsrahmen und das Umfeld, in denen sich die Ratsuchenden bisher bewegt haben. Es bedarf der Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und Normen in allen Lebensbereichen.

Aber auch innere Konflikte müssen bearbeitet werden, wie beispielsweise Schuldgefühle gegenüber Angehörigen, Scham über das eigene Verhalten oder die Auseinandersetzung mit der ehemaligen und einer möglichen neuen Identität. Die Berater*innen der Beratungsstelle Leben arbeiten mit den Beratungsnehmenden konkret zu ideologischen und damit verknüpften Themen, um Reflexionsprozesse anzuregen und letztlich eine Deradikalisierung zu unterstützen.